Die Klangfarben der Bilder

Über Ludger Schäfers jüngere Malerei

von Dr. Hans-Dieter Fronz


Doppelbegabungen auf dem Gebiet der Kunst sind nicht ganz selten. E. T. A. Hoffmann war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Komponist. Degas malte – und schuf Skulpturen, wie später Picasso und Matisse oder in der Gegenwart Georg Baselitz. Dass Ludger Schäfer Maler und gleichzeitig Bildhauer ist, hat somit nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist freilich das besondere Verhältnis von Malerei und Bildhauerei in seinem Werk. Handelt es sich doch keineswegs wie sonst häufig bei Maler-Bildhauern um ein Spiegelverhältnis: etwa in dem Sinne, dass die Motive auf beiden Feldern ähnlich oder gar identisch oder das Formenvokabular vergleichbar wären. Vielmehr sind Malerei und Bildhauerei trotz mancher Gemeinsamkeiten voneinander getrennte Genres. Doch stehen sie eben als solche in einem engen Wechselbezug zueinander. Sie lassen sich nämlich in ein Komplementärverhältnis fassen. Zwar kennt sowohl das malerische wie das bildhauerische Schaffen Schäfers Abstraktionen. Und das tendenziell über den Bildrand hinaus zielende Allover mancher abstrakter Gemälde findet ein sinnfälliges Pendant in der Bezugnahme einer Reihe seiner Skulpturen auf Brancusis „Unendliche Säule“. Gleichzeitig sticht jedoch ein wesentlicher Unterschied ins Auge: Ist das Hauptthema der Skulpturen die menschliche Figur (noch den Stelen ist sie diskret einbeschrieben), so fehlt sie in der Malerei weitestgehend. Ihr Thema ist vielmehr die Landschaft oder - davon abstrahierend - der Raum. Ins Abstrakte gewendet sind es Farbräume oder auch „Farbspeicher“. So hat Schäfer verschiedene Gemälde aus dem Jahr 2018 betitelt.


Malerei und Bildhauerei bilden somit eine Art Kontinuum. Der Idee nach stellt jene gleichsam den (Um-)Raum für diese, die Figur als ihr bevorzugtes Sujet bereit. Und zwar dies noch dort, wo die Malerei ins Abstrakte spielt. So gleicht sich in einer zweiteiligen Arbeit aus Gemälde und Holzskulptur die durch starke Längung verfremdete menschliche Figur aus Eichenholz dem abstrakten, farbigen  Bildraum der Malerei in der Weise an, dass die gesamte Skulptur mit eben dem Raster aus kleinen Farbkästchen überzogen ist, das die malerische Komposition kennzeichnet. Visuell löst sich die hölzerne Figur im Bild gewissermaßen auf. Malerei und Bildhauerei verschmelzen.


Das bisher Gesagte besitzt Gültigkeit zwar auch für frühere Werkphasen, in besonderem Maße jedoch für die Arbeiten der jüngeren Zeit - die Gemälde zumal in ihren unterschiedlichen Graden der Abstraktion. Thema von Schäfers Bildkunst ist der Raum – und wäre es als Farbraum. Eine ältere Serie kleinformatiger Gemälde geben ihr Sujet, Landschaft, in leicht abstrahierender Form; wobei der Bildvordergrund von geometrisch geformten Feldstücken in unterschiedlichen Farben dominiert wird. Diese Feldstücke haben sich in den Bildern der letzten Jahre gleichsam aus ihren gegenständlichen Zusammenhängen gelöst und absolut gesetzt. In der Verwandlung erscheinen sie als reine Farbfeldmalerei. So, schon im Namen, etwa in „Crossing fields“, einem vierteiligen Gemälde aus lauter kleinen, kästchenartigen Farbfeldern. Auf diese Weise ist eine ganze Reihe von Bildern entstanden, in denen die Komposition sich auf farbige Quadrate oder Rechtecke reduziert, die sich zu mehr oder weniger strengen rasterartigen Strukturen zusammenfügen.


Andererseits schälen sich in der Serie „Dörfer“ aus einem Raster aus Rechtecken hier und da in wechselnden Graden der Abstraktion Gebäude oder Gebäudeteile hervor. Weitere Bilder vermitteln Impressionen von Reisen nach Italien, Frankreich oder auf die iberische Halbinsel, auch in stark abstrahierenden Bildern mit farbigen Rechtecken: dort vornehmlich mittels der Farbpalette. In der Serie „Camino“ mit ihren überwiegend hellen, abgetönten Farben zeichnen sich die Namen gebenden Wege lediglich als schmale Stege zwischen Blöcken von aneinander gereihten Farbrechtecken ab. Man fühlt sich an Luftbilder erinnert, wie man sie von der älteren Serie der „Nasca“-Bilder kennt.


Zunehmend, scheint es, wird für Ludger Schäfers Malerei in der Abstraktion vom Gegenstand Farbe als solche zum Thema. Und dies in Bildern ganz unterschiedlichen Charakters. Miteinander verbunden sind sie durch feines Farbgefühl. Da finden sich beispielsweise nahezu monochrome Gemälde. Doch es existieren auch Bilder, die das ganze farbliche Spektrum umfassen. Mögen für den Betrachter gerade sie dank der vermeintlichen Beliebigkeit der Farbabfolge einfach erscheinen, so sind doch gerade sie laut Ludger Schäfer die malerisch schwierigsten. Denn sie in noch stärkerem Maße als die Monochromien erfordern feinstes Austarieren der Farbklänge, bis so etwas wie innere Stimmigkeit erreicht ist.


Stimmigkeit und Ausgewogenheit, einen Zustand harmonischen Zusammenklangs der Farben strebt Ludger Schäfer in seinen Bildern an. Zusammenklang, der Begriff ist mit Bedacht gewählt. Denn Schäfer, der während der Arbeit im Atelier gern Musik hört - von Bach bis Philip Glass, von Jazz bis Weltmusik -, stellt gesprächsweise einen Konnex zwischen Malerei und Musik her. Der beglaubigt sich für ihn bereits sprachlich in Begriffen wie Klangfarbe und Farbklang. Bildtitel wie „Nessun dorma“ oder „Tastenbild“ sind durchaus in diesem Sinne zu verstehen. Analog zu Bachs Variationen im „Wohltemperiertem Klavier“ variiert Schäfer in den abstrakten Bildern Farbklänge in Kompositionen, die spannungslos zu nennen verfehlt wäre; die im Resultat jedoch auf Harmonie abzielen. Eins seiner (abstrakten) Bilder hat den Titel „Katharsis“. Etwas von der Schwingungsenergie des seelischen Läuterungsprozesses, auf den das Bild im Titel anspielt, mag in der Rezeption auf den Betrachter übergehen.